Italienisches Gericht verurteilt RINA zu über 60 Millionen Euro für die vor Safaga gesunkene Fähre
Das Zivilgericht Genua hat am 14. Oktober entschieden, dass die Klassifikationsgesellschaft RINA Angehörige und Überlebende von rund 700 Opfern der „Al Salam Boccaccio 98“ entschädigen muss. Die Fähre kenterte im Februar 2006 im Roten Meer auf dem Weg nach Safaga. RINA widerspricht dem Urteil ausdrücklich.
18. Oktober 2026

Das Zivilgericht Genua hat die Schiffszertifizierungsgesellschaft RINA SpA zu Entschädigungen von mehr als 60 Millionen Euro – rund 3 Milliarden ägyptischen Pfund – an Angehörige und Überlebende von etwa 700 Opfern der Fähre „Al Salam Boccaccio 98“ verurteilt. Das berichtet Egyptian Streets. Das erstinstanzliche Urteil wurde am 14. Oktober von Richter Daniele Bianchi unterzeichnet; es sieht die Fahrlässigkeit der Klassifikationsgesellschaft als Hauptursache der Katastrophe.
Die Fähre sank in der Nacht vom 2. auf den 3. Februar 2006 auf der Fahrt von Saudi-Arabien zum ägyptischen Hafen Safaga. Von etwa 1.400 Menschen an Bord – überwiegend ägyptische Arbeitsmigranten auf dem Rückweg aus Saudi-Arabien und Pilger aus Mekka – starben 1.071.
In dem rund 200 Seiten langen Urteil folgte das Gericht einem Gutachten, das Ende 2022 bei Marinekapitän Alfredo Cucinotta und den Ingenieuren Giovanni Fantoni und Alessio Gnecco in Auftrag gegeben worden war. Zentraler Befund: Die Gesellschaft habe einen Konstruktionsfehler in der inneren Entleerung der Ballasttanks nicht gemeldet, weshalb der Kapitän sein Ausgleichsmanöver für wirksam hielt. Die Betriebsanweisungen, darunter ein ausdrücklicher Hinweis auf italienisch zum Vorgehen bei einem Leck, waren nie ins Englische oder in eine andere Sprache übersetzt worden, die die ägyptische Besatzung verstand.
Nach der vom Gericht akzeptierten Rekonstruktion brach das Feuer auf dem Garagendeck in einem mit Gepäck beladenen Anhänger aus. Der Kapitän, der später verschwand, versuchte es mit den vorhandenen Mitteln zu löschen. Auf dem Fahrzeugdeck sammelte sich jedoch Wasser, weil es nicht ablaufen konnte; die Wassermassen verstärkten die Schräglage, bis das Schiff kenterte und sank.
Für den Ausbruch des Feuers und für die Anweisungen des Kapitäns machte das Gericht RINA nicht verantwortlich, sondern für fehlende Information und Aufsicht an einem für die Sicherheit des Schiffes entscheidenden Punkt. Es führte 22 weitere Fälle von Fahrlässigkeit auf, darunter Mängel bei der Ausbildung der Besatzung und bei der Kontrolle von Sicherheitsübungen.
Das Schiff war eines von fünf Schwesterschiffen der „Poeti“-Reihe, 1968 für die italienische Reederei Tirrenia gebaut. Tirrenia ließ 1990 vier Decks aufsetzen, um die Kapazität zu erhöhen; 1999 wurden die fünf Schiffe an den ägyptischen Eigner El Salam Shipping & Trading verkauft. 2002 sank das Schwesterschiff „Petrarca“ nach einem Feuer im Roten Meer, ein Mensch starb.
RINA erklärte dem italienischen öffentlichen Rundfunk RAI, man sei mit dem Urteil in „tiefer Uneinigkeit“. Die Entscheidung ist erstinstanzlich.